Überblick zum Forschungsprogramm
Der geistes- und sozialwissenschaftliche Zugang zum Thema der Gewalt oszilliert von jeher zwischen einer ereignisorientierten und einer strukturalen Perspektive. Diese beiden Perspektiven sind jedoch nicht nur als methodologische Optionen zu begreifen wie in der Geschichtswissenschaft des 20. Jahrhunderts, sondern auf die Genese konkreter Wissensordnungen zu beziehen: Welche Datenbestände nötigen dazu, Gewalt ereignishaft und szenisch anzusetzen, etwa als Bruch einer historischen Entwicklung oder als Urszene? Welche nötigen hingegen dazu, sie innerhalb einer longue durée oder auf der Ebene struktureller Gewaltsamkeit anzusetzen und letztlich als verwaltungstechnischen Machteffekt zu begreifen? Und allgemeiner gefragt: Welche Mittel, Praktiken und Techniken der Datenerhebung und Datenverarbeitung machen allererst ein – praktisches oder theoretisches, informelles oder fachdisziplinäres – Wissen von Gewalt möglich?
Durch diese doppelte wissensgeschichtliche Perspektivierung und eine strikt historische Ausrichtung soll das Projekt über eine empirische, phänomenologische oder anthropologische Theorie der Gewalt hinausgeführt werden. Indem es nicht nur das Wissen von der Gewalt, sondern die Konstitution dieses Wissens untersucht, stößt es auf das ‚Aufschreibesystem’ und ‚Medium’ des Archivs. Archive nämlich sind der Ort, an dem strukturelle und ereignisförmige Gewalt registriert, formatiert und dokumentiert wird; sie eröffnen das Feld der Historiographie und schließen Ereignisse als Referential der Dokumentation ein oder aus. Archive stellen nicht nur eine Möglichkeitsbedingung von Geschichtsschreibung und Memorialkultur dar, sondern entwickeln als Wissenstechnologien spezifische Verfahren, denen selbst ein gewaltsames Moment innewohnt. In ihrer Unzugänglichkeit machen sie Geschichtsprozesse zur Verschlusssache oder revidieren den bis dato beglaubigten Geschichtsverlauf im Augenblick ihrer Öffnung. Gegeben ist mit ihnen also der nüchterne und säkulare Normalfall einer „waltenden Gewalt“ (Walter Benjamin).
Den sozialen, epistemischen und technischen Bedingungen solcher Archive und ihren Wirkungen, mithin der „Gewalt der Archive“, soll die Aufmerksamkeit des Netzwerks gelten. Hierzu wird nicht nur an die umfangreiche Theoriebildung zum Medium des Archivs oder an die zahlreichen fachspezifischen und medienhistorischen Arbeiten zur konkreten Archivführung angeschlossen, sondern ein ebenso methodenkritischer wie sachbezogener Austausch zwischen den Disziplinen der Literaturwissenschaft, Kultur- und Medienwissenschaft, der Rechtswissenschaft, Kunstgeschichte, Wissenschaftsgeschichte, Philosophie und Geschichtswissenschaft angestrebt. Die Einzelprojekte gruppieren sich in vier Sektionen: 1) Archivoperationen als Gewalt (Speicherung und Kontrolle als Gewaltmonopol, Zugangsbeschränkung und gewaltsamer Zugriff auf Ablageprozesse); 2) Beweis und Evidenz (die diskursive Ökonomie von juristischen Beweisverfahren, die in die Gewalt archivarischer Praxis involviert ist); 3) Archiv und Archäologie des Ereignisses (die archivarische Formatierung und Kategorisierung von Ereignissen als Grundoperation des institutionellen und administrativen Umgangs mit Gewalt); 4) Die neuen Archive (der Umbruch von papier- und aktengestützter zu elektronischer Datenverarbeitung und dessen wissens- wie machtpolitische Konsequenzen).
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